Von Kohle und Currywurst

“Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt…”, so beginnt Herbert Grönemeyers Hymne über Bochum, die schönste Stadt im Revier und meine Wahlheimat. Heute geht es um Kohle und Currywurst, um Industriekultur und Pommes Schranke!

Vorurteile und so

Bevor ich 2003 zum Studieren ins Ruhrgebiet gezogen bin, hatte ich tatsächlich keine Vorstellung davon, wie grün und bunt das Leben hier ist. Als waschechte Sauerländerin glaubte ich nämlich lange Zeit, dass im Ruhrgebiet die Menschen noch unter Tage leben und die rote Abendsonne von der letzten Glut heißer Kohle stammt. Aber nein, ganz so schlimm wie beschrieben ist es natürlich nicht, obwohl sich dieses Vorurteil über das Ruhrgebiet im restlichen Bundesgebiet sicher noch eine ganze Weile halten wird.

Wenn heiße Öfen kalt werden

Doch woher kommt eigentlich diese Vorstellung vom Ruhrgebiet als eine Region, in der es mit der Natur nicht weit her ist? Nun, das Ruhrgebiet blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück, die hauptsächlich vom Bergbau geprägt ist. Neben Erz und Salz wurde im Ruhrgebiet vor allem Steinkohle abgebaut, was der Region zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort verhalf. Viele namhafte Firmen etablierten hier ihren Unternehmenssitz und prägen die gesamte Region bis heute. Allen voran die Thyssen Krupp AG mit Sitz in Essen und die RAG Aktiengesellschaft (ehemals Ruhrkohle AG) ebenfalls mit Sitz in Essen, deren Unternehmensteile noch bis Ende 2018 die letzten Bergwerke betreiben. Wenn dann die beiden letzten Zechen endgültig schließen, werden die vielen übrig gebliebenen Fördertürme das Erbe einer beeindruckenden Bergbau-Geschichte sein.

Doch die Geschichte des Ruhrgebiets ist leider nicht nur eine rühmliche. Als Ende der 50er Jahre die sogenannte Kohlekrise einsetzte, kam die Wirtschaft beinahe zum Erliegen. Nicht nur, dass plötzlich unzählige Zechen schließen mussten, auch gab es keine alternativen Wirtschaftszweige. Eine ganze Region in Deutschland hatte sich im Laufe der Jahre von Kohle und Stahl abhängig gemacht und bekam nun die Auswirkungen dieser Einseitigkeit zu spüren. Die Folge waren Arbeitslosigkeit und der einsetzende Niedergang des Steinkohlebergbaus. Doch war damit für das Ruhrgebiet der Ofen endgültig aus?

Zur Erinnerung an die Geschichte des Bergbaus stiegen im Mai 2010 im Zuge der RUHR.2010 (Name für das gesamte Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas) an über 300 Orten im Ruhrgebiet gelbe Heliumballons in die Luft, um die ehemaligen Standorte der einzelnen Kohleschächte und Zechen zu visualisieren und ein Bewusstsein für den Strukturwandel zu schaffen.

Strukturwandel als Chance

Die sinkende Nachfrage nach Steinkohle und die fehlenden alternativen Wirtschaftszweige zwangen das Ruhrgebiet in den 60er Jahren in die Knie und damit eine ganze Region dazu, sich neu zu erfinden. Im Zuge der Neuausrichtung zählte der amerikanische Automobilkonzern General Motors mit seinem Bau der Bochumer Opel-Werke wohl als einer der größten Investoren in diese Region. Neben der Automobilindustrie siedelten sich auch weitere Unternehmen aus der Elektro-, der Informations- und der Kommunikationsbranche an. Neben Opel wurde so das Nokia-Werk einer der wichtigsten Arbeitgeber in Bochum.

Ein weiterer wichtiger Schritt in eine neue Zukunft des Ruhrgebiets als Bildungs- und Dienstleistungssektors war die Gründung mehrerer Universitäten, allen voran die Gründung der Ruhr-Universität Bochum im Jahr 1961 als erste neue Universität nach Kriegsende. Damit war der Strukturwandel vom Bergbau zu neuen Industriezweigen in die Wege geleitet. Das Ruhrgebiet entwickelt sich seitdem fortan zu einer der dichtesten Hochschul- und Forschungslandschaften in Deutschlang sowie zu einem Standort für unzählig viele Kultur- und Bildungsstätten.

Die Ruhr-Universität Bochum ist mit 20 Fakultäten, über 40.000 eingeschriebenen Studierenden und einem ca. 4,5 km² großen Campus eine der größten Universitäten Deutschlands.

Industriekultur und Freizeitgestaltung

Mittlerweile ist die gesamte Region geprägt von zahlreichen Orten, an denen sich Industriekultur und Freizeitgestaltung hervorragend miteinander verbinden lassen. Es gibt verschiedene alte Zechen- und Industriegelände, auf denen stillgelegte Fördertürme, Erzbahntrassen und Bergbauschächte einem die Geschichte des Ruhrgebiets beeindruckend nahebringen. Besonders empfehlenswert ist hier das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum und das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen. Aber auch etliche Landschaftsparks und Naturschutzgebiete bieten mit ihren Berghalden nicht nur einen fantastischen Ausblick über das gesamte Ruhrgebiet, sondern sorgen auch für eine großartige Naherholung. So lädt zum Beispiel der Kemnader See in Bochum als einer von insgesamt sechs Ruhrstauseen zu tollen Outdoor-Aktivitäten an Wasser und an Land ein.

Aber auch in puncto Kunst und Kultur hat das Ruhrgebiet einiges zu bieten. Neben den schon genannten Museen und Erinnerungsstätten der Industriekultur lässt sich das Ruhrgebiet als eine einzige Bühne für diverse Film- und Musikfestivals beschreiben. Jedes Jahr im Juli lockt zum Beispiel Bochum Total als eines der größten Umsonst-und-Draußen-Festivals die Menschenmassen auf die Straßen und organisiert auf mehreren Stages ein Programm, das sich sehen und hören lassen kann. Die Veranstaltung hat sich im Laufe der letzten 30 Jahre von einem ursprünglichen Straßenfest mit Straßentheater, Gaukelei und Livemusik zu einem einzigartigen Mega-Event gemausert, das seinem inhaltlichen Ansatz von progressiver und originärer Musik treu geblieben ist.

Ebenfalls zum festen jährlichen Programm des Ruhrgebiets gehört die ExtraSchicht, ein städteübergreifendes Festival, das die Nacht der Industriekultur feiert. Bereitgestellte Shuttlebusse bringen die Besucher in 22 Städten an ca. 50 Spielorte, wo dann über 500 Events aus den Bereichen Musik, Theater, Kunst und vieles mehr stattfinden. Besondere Magnetpunkte sind dabei die aufwendig illuminierten Standorte von ehemaligen Industrieanlagen wie zum Beispiel die Jahrhunderthalle in Bochum. Effektvolle Lichtshows, künstlerische Installationen, Höhenfeuerwerke, Livemusik und Mitmach-Aktionen bieten ein abwechslungsreiches Programm für die ganze Familie.

Die Jahrhunderthalle in Bochum ist quasi ein Monument der Industriekultur, denn ihre Architektur aus Stahl, Stein und Glas schafft nicht nur historisch, sondern auch künstlerisch den Übergang zwischen Tradition und Moderne. Heute ist die Jahrhunderthalle ein wichtiger Austragungsort für klassische Konzerte, aufwendige Bühnenshows sowie Hauptspielort der berühmten Theaterfestspiele der Ruhrtriennale und Verleihungsort des Musikpreises 1Live-Krone.

Currywurst und Pommes Schranke ist Kult

Da Liebe ja bekanntlich durch den Magen geht, hat Herbert Grönemeyer nicht nur Bochum, sondern auch der Currywurst einen eigenen Song gewidmet:

“Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt? Ne Currywurst! Kommse vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst mit Pommes dabei…”

So lautet der Anfang und das dicke Ende kommt noch! Seit Jahrzehnten streiten sich die Städte Berlin, Hamburg und Bochum darüber, wer die wahre Geburtsstadt dieses Leckerbissens ist. Die eindeutige Herkunft ist bis heute nicht geklärt, fest steht aber, dass im Ruhrgebiet die Currywurst mit Pommes Schranke (Pommes Frites, Ketchup, Mayo = Pommes rot-weiß = Pommes Schranke) genauso fest dazugehört wie am Büdchen zu naschen. Büdchen, so werden hier liebevoll die Trinkhallen genannt, die ehemals für das leibliche Wohl der Zechenarbeiter sorgten. Am Büdchen gab es zudem nicht nur Naschereien für ein paar Pfennige, sondern auch stets den neuesten Tratsch und Klatsch der Siedlung für lau. Bis jetzt trifft man an vielen Ecken hier noch das gemeinhin als Kiosk bekannte Büdchen, aber ob es die gemischte Tüte noch gibt? Kommt her und testet es selbst!

Bochum ist laut Wikipedia das Zentrum des mittleren Ruhrgebiets. Ich finde, das sagt mit einem kleinen Augenzwinkern eigentlich alles!

 


Informationsportale rund um das Ruhrgebiet:

Das Internetportal www.metropoleruhr.de als Informationsportal für die Metropole Ruhr und das Ruhrgebiet, herausgegeben vom Regionalverband Ruhr

Das Internetportal www.ruhr-tourismus.de als Informationsportal rund um den Tourismus im Ruhrgebiet, herausgegeben von der Ruhr Tourismus GmbH

5 Kommentare

  1. “Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt” von Herbert Grönemeyer ist eines meiner Lieblingslieder.

    Dein Artikel über Bochum ist nicht nur interessant und absolut lesenswert, sondern er weckt die Lust, da (wieder) mal hinzufahren und es einfach “live” zu erleben, zu fühlen, zu sehen! Wenn man als Unwissender an Bochum denkt, denkt man vielleicht nur an Kohle, Bergwerke, Staub, … von allen den Orten, die du so beschreibst, von der Kultur, dem Fieber der Stadt, der Schönheit des Umlands wissen vielleicht die meisten so gut wie nichts. Aber dafür gibt es ja Artikel wie diesen, da wird die Lust nach der Ferne geweckt, ich plane mal eine Reise ins für mich Unbekannte.

    1. Hallo Heike,
      ja, Bochum bzw. das Ruhrgebiet ist wirklich sehenswert. Ich habe hier natürlich nur einen Bruchteil von dem beschrieben, was das Ruhrgebiet alles ausmacht. Neben der Industriekultur haben wir hier natürlich auch noch einige Burgen, Schlösser und unzählige Parkanlagen mit etlichen Freizeitangeboten. Ein Ausflug in den “Kohlenpott” lohnt sich also tatsächlich auf jeden Fall!
      Liebe Grüße, Kathrin

  2. Liebe Kathrin, das ist ein echt toller Artikel, sehr interessant … Als waschechte Dortmunderin, also voll das Pottblach, liebe ich auch Herbert und natürlich Pommes Schranke!
    Liebe Grüße, Sabine

    1. Hallo Sabine,
      das freut mich als waschechte Sauerländerin natürlich sehr, dass du meinen Artikel über den Pott für gelungen hältst! Ja, das Ruhrgebiet ist schon sehr speziell, man könnte sagen: im Fußball getrennt, in der Musik vereint! *lach*
      Liebe Grüße, Kathrin

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