Von Lese- und Rechtschreib-Schwächen

Lesen und Schreiben, das kann doch eigentlich jeder, oder? Wer so denkt, der liegt damit nicht ganz richtig! Denn Legasthenie ist weiter verbreitet als man glaubt und leider immer noch ein unausgesprochenes Tabuthema.

Lese-Rechtschreib-Was?

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche, neuerdings auch Lese-Rechtschreib-Störung oder im Fachjargon Legasthenie, kurz auch LRS genannt, bezeichnet pauschal Probleme mit der Umsetzung der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Doch ganz so allgemein lässt sich die Definition nicht in Worte fassen, denn dafür spielen hinsichtlich der Ursachen zu viele Faktoren eine Rolle. So kann der genetische Faktor beispielsweise eine Ursache von LRS darstellen, sofern bei einem Elternteil schon eine LRS vorliegt. Aber auch die Neurobiologie liefert Erkenntnisse über weitere Faktoren. So können zum Beispiel akustische oder visuelle Wahrnehmungsstörungen ebenfalls auf eine LRS hindeuten. Das betrifft vor allem das Erkennen von gesprochenen und geschriebenen Wörtern in ihrer Wortgestalt und damit einhergehend die Wahrnehmung der Position der einzelnen Buchstaben. Aber auch Beeinträchtigungen in der phonetischen Umsetzung von Sprache sind ein mögliches Indiz für LRS. Betroffen hiervon ist hauptsächlich die Wahrnehmung und Verarbeitung von Sprachlauten sowie die eigene Umsetzung von Lautproduktionen.

Von wegen dumm

Allen Ursachen liegt jedoch gemeinsam zugrunde, dass sie keinen Hinweis auf eine mangelhafte Intelligenz darstellen. Ganz im Gegenteil: Angeblich sollen nämlich Berühmtheiten und Genies wie der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein, der Maler und Konstrukteur Leonardo da Vinci oder auch die erfolgreiche Schriftstellerin Agatha Christie Legastheniker gewesen sein. Legasthenie ist damit nicht nur vom Intelligenzquotienten, sondern auch vom kulturellen Hintergrund sowie vom jeweilig verwendeten Schriftsystem unabhängig. Fest steht aber, je näher sich Laut- und Schriftbild einer Sprache sind, desto leichter fällt den Betroffenen der Umgang mit dieser Disposition. Des Weiteren ist das Vorhandensein einer Legasthenie von der Entwicklung anderer kognitiver Fähigkeiten wie das Erinnerungs- oder das Urteilungsvermögen sowie das logische Denken entkoppelt. Daher wäre es also schon ganz schön blöd, einen Legastheniker grundsätzlich als dumm zu bezeichnen!

LRS als genetische Disposition

Legasthenie gilt damit laut dem Internationalen Klassifikationsschema für psychische Erkrankungen (ICD 10) der Weltgesundheitsorganisation WHO als eine Entwicklungsstörung,

“die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein. Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht werden.”

Damit wird deutlich, dass Legasthenie keine vorübergehende Erkrankung ist, sondern etwas, womit die Betroffenen ein Leben lang zu tun haben. Aber was heißt das nun für das alltägliche Leben und wie reagiert die Gesellschaft auf Menschen mit einer LRS?

LRS ist keine Krankheit

Auch wenn seitens der WHO Legasthenie als eine Entwicklungsstörung deklariert wird, so ist es dennoch keine Krankheit, wie einige Berufsverbände das nur allzu gern suggerieren. Die von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. herausgegebene Leitlinie Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung macht deutlich, dass bisherige Therapieansätze wie medikamentöse Behandlungen und Trainings, die nicht unmittelbar etwas mit der Schriftsprache zu tun haben, nahezu wirkungslos sind. Vielmehr ist es wichtig, dass großer Wert auf eine pädagogische Förderung der Probleme beim Lesen und Schreiben gelegt wird. Das bedeutet in erster Linie die Integration von Menschen mit LRS in Schule, Beruf und Alltag!

Integration ist alles?

Besonders wichtig ist eine Früherkennung von Legasthenie. Je eher die Problematik erkannt wird, desto besser lässt sich gegen krankmachende Symptome wie Depressionen oder Minderwertigkeitsgefühle bei Betroffenen vorgehen. Bleibt eine Legasthenie hingegen lange Zeit unerkannt beziehungsweise wird den Betroffenen kein selbstbewusster Umgang damit vermittelt, steigt besonders im Erwachsenenalter die Scham, sich mit seinen Lese- und Rechtschreibschwächen zu outen. Was in der Schule nur schwer zu verbergen ist, versuchen Betroffene in der Ausbildung oder im Berufsleben geschickt zu verstecken. Das kann dazu führen, dass Berufszweige, in denen viel schriftsprachliche Tätigkeiten ausgeübt werden, für Betroffene gar nicht erst in Frage kommen.

Lesen und Schreiben ist nicht alles

Legasthenie als Laune der Natur ist also kein Hinderungsgrund, eine ganz normale Schullaufbahn zu absolvieren oder sich beruflich selbst zu verwirklichen. Wer ein gutes soziales Umfeld hat und wem hinsichtlich seiner LRS ein gesundes Selbstbewusstsein im Umgang damit vermittelt wurde, dem stehen heutzutage neben der praktischen Arbeit im Handwerk auch eine ganze Reihe an sozialen, technischen oder kreativen Berufen zur Auswahl. Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben sind nämlich kein Hinweis auf mangelnde Kernkompetenzen hinsichtlich anderer Fähigkeiten wie Teamwork, Kreativität, soziales Engagement oder ähnliches. Defizite in der Schriftsprache lassen sich im Berufsleben mittlerweile sehr gut durch Hilfsmittel wie digitale Lese- und Rechtschreib-Programme auffangen. Nichts ersetzt aber am Ende aber so sehr eine Anerkennung von Legasthenikern als vollwertige Menschen mit all ihren Fähigkeiten wie eine breite und vorurteilsfreie Akzeptanz von Betroffenen durch die Gesellschaft.

Vorbild sein und Mut machen

Wenn man laut Wikipedia davon ausgeht, dass bei circa 5 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland innerhalb der Schullaufbahn eine LRS diagnostiziert wird, kann man davon ausgehen, dass der Bedarf an individueller Förderung und Motivation immens hoch ist. Das, was Schulen und Institutionen nicht auffangen können, muss an das soziale und mediale Umfeld delegiert werden. Deswegen ist es so unbedingt notwendig, dass nicht nur Eltern, sondern auch Freunde und Bekannte die Betroffenen stets motivieren, ihren Mut nicht zu verlieren, sich den Herausforderungen des (Lern-)Alltags zu stellen und so Versagensängste gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber auch Betroffene können selbst ein Vorbild für andere Betroffene sein, nämlich indem sie ihren ganzen Mut zusammen nehmen und ihre Geschichte anderen weitererzählen. Nächste Woche möchte ich euch zum Beispiel so jemanden vorstellen, ihr dürft also weiter gespannt sein!

Lese-Rechtschreib-Schwäche: Am Ende geht es nicht darum, perfekt zu sein, sondern das Beste aus seinen Fehlern zu machen!

 


Literaturhinweise:

ICD-Code: Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. F81.0: Lese- und Rechtschreibstörung.

Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V.: Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Evidenz- und konsensbasierte Leitlinie. AWMF-Registernummer 028-044. Stand 23.04.2015.

4 Kommentare

    1. Hallo Jenny,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Es freut mich, wenn ich lese, dass ich mit diesem Artikel offensichtlich einen Nerv dieser Gesellschaft getroffen habe und hoffe, er macht allen Betroffenen ein bisschen Mut, sich nicht weiter zu verstecken.
      Liebe Grüße, Kathrin

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