Von sommerlichen Gefühlen

Was liegt im Sommer näher als ein Bummel durch die Stadt? Doch manchmal wird das Flanieren über die City-Meile eine gedankliche Reise zurück in die Vergangenheit! Heute spazieren wir zusammen mit Barbara durch Berlin.

Summerfeeling (von Barbara Schilling)

Ich ziehe meine Schultern zurück. Die Sonne strahlt violett hinter meine Brillengläser. Wir sind am Springbrunnen angekommen, setzen uns auf den steinernen Rand, sehen den badenden Kindern und Hunden zu, stellen selbst die Füße ins unerwartet klare Wasser, benetzen unsere Handgelenke. Mir ist so warm. Ich sehe mich um, das Treiben, das Gewusel, sonnengeflutete Augenblicke. Dann muss ich los.

Am Bahnhof die üblichen Verdächtigen um diese Zeit: Studenten und Pendler. Für das Partyvolk ist es noch zu früh. Um diese Uhrzeit geht an einem Freitag noch keiner auf die Piste. Der Bahnsteig glänzt fleckig von flachgetretenen Kaugummis und weißem Taubendreck. Alles ist wie immer. Pollen schwirren durch die Luft und irritieren den Augenblick. Ein paar großformatige Plakate werben für „Spannung in Buchform“, den Lehrerverband und eine Ausbildung als Altenpfleger*in.

Die Menschen um mich herum sind nicht da. Sie tragen nur ihre Körper, Kopfhörer und Taschen. Ich bin an der Bahnsteigkante, wo der anfahrende Zug die stehende Luft verdrängt. Ein Moment von Geschwindigkeit im Raum, dann herrscht Stillstand. Der atemlose Augenblick, der erwartungsvolle Blick der Passagiere in spe, bevor sich die elektrischen Zugtüren mit diesem vertrauten und dennoch nervigen „Pfff“-Geräusch öffnen, um das Strandgut des Tages in Empfang zu nehmen.

Ich bleibe im Eingangsbereich des Zuges stehen. Einfach, weil ich nicht weiß, wohin mit mir. Menschen drücken sich an mir vorbei. Einige vorsichtig, andere weniger rücksichtsvoll. Ich mache einen halben Schritt hierhin und dorthin, stets bemüht Platz zu machen, wo es eigentlich keinen mehr gibt. Mit einem Ruck fährt der Zug an, auf nach Berlin. Ich stehe zwischen all den klugen, jungen Leuten mit hippen Bärten und engen Hosen.

Ich blicke aus dem Zugfenster: Abendsonne auf Schienen. In dem Maße, wie der Tag ausläuft, nimmt der Zug Fahrt auf. Schatten unter der Brücke. Unkraut wuchert mannshoch. Die fensterzahnlosen Industriebaracken am Rand harren der Dinge, die da kommen. Das von Glas gesäumte Verlagsgebäude ist in naher Ferne. Die ersten Kilometer sind überwunden. In Babelsberg wandelt sich das Bild: Niedrige Gründerzeitbauten schmiegen sich eng an die Straßen. Lindencafé, Thaliakino und Baumbestand bilden eine idyllische Einheit, die schon bald dem Fußballplatz und schließlich dem kränklichen Wald zwischen Potsdam und Berlin weichen wird.

Dieser Mischwald mit Nadel- und Laubbäumen inmitten des Funklochs oder das Funkloch inmitten des Waldes. Niemandsland – auch empfangsmäßig. Die Handys sind machtlos. Der Wald, dicht und sommerlich in der Mitte des Jahres, dunkel und kahl im Winter. Dazwischen vereinzelt Beton und Stahl, der die Fenster verbrennt und seine Schatten auf unpersönlich blau-karierte Sitzbezüge wirft. Der nächste Halt wird angesagt: Wannsee. Schotter, Bremslaute und die alte Schrift auf dem Bahnhofsschild.

Stahltreppen-Überführung, Signalton, Halteschild: „in 100 m“. Was auch immer in hundert Metern ist. Das dunkle Braun längst verrosteter Muttern, dick wie Männerfäuste, von den letzten Strahlen der Sonne halbherzig liebkost. Schwer und unverrückbar wie die Zeit an sich. Mülleimer für korrekte Müllbrenner. Dazwischen Reisende. Vereinzelt und in Trauben. Meistens voller Abwesenheit. Ein besprühtes Backsteingebäude bändelt mit der grellen Lichtröhre unter dem Wellblechdach an.

Ich fahre mit dem Zug bis zum Bahnhof Zoo, will auf dem Ku´damm spazieren gehen. Einfach raus. Mal etwas anderes sehen. Die Stadt aufnehmen, gedanklich … mich vielleicht ein bisschen erinnern. An den gedeckten Apfelkuchen mit Oma im Café Kranzler, damals, als die Kellner noch Fliege trugen und „junges Fräulein“ zur mir sagten. Ich sehe viele Baustellen und die Plätze meiner Kindheit. An der Häuserwand weist eine alte Giraffe auf den nahegelegenen Zoologischen Garten und seine Bewohner hin. Über dem Pfeil zum Zoo steht sie noch. Seit Jahren, Jahrzehnten. Dann: Kurfürstendamm, Prachtstraße, Elendsmeile, Touristenmagnet …

Blick über die Spree in Berlin mit Aussicht auf den Fernsehturm in Berlin-Mitte.

Ich sitze auf der Parkbank. Mittendrin und in den Seitenstraßen Grünzeug. Eine kalkulierte Abend-Melancholie für bourgeoise und kreative Möchtegerns. Ich betrachte unwillkürlich die Passanten. Ihre Kleidung, ihre Figur, ihr Auftreten. Lauter gut gekleidete Frauen und erfolgreich wirkende Männer im Anzug. Alle sind in Eile. Klischee an Klischee. Dazwischen Vogelstimmen und Hipster auf teuer aussehenden Fahrrädern. Was wohl vorgeht in all diesen Köpfen und Herzen?

Plötzlich übermannt mich die Erinnerung an den letzten Urlaub mit meiner Mutter im Süden Europas:

Da hockt man im Strandcafé, sieht dem bunten Treiben zu und ist etwas betrübt, dass die Auszeit hier nur zwei Wochen anhält, bevor es wieder zurück in die Tretmühle geht. Ich betrachte ein wenig neidisch den coolen Typen, der barfuß und mit weiter Batikhose lässig daherschlendert, die Sonne genießt und dem Leben gechillt gegenübertritt. Wie macht er das? Was ist das für ein befreites Gefühl, so pflichtlos dem Tag vertrauen zu können? Jeden Tag. Ich schlucke. Der Mann mit den langen Haaren wühlt plötzlich in einem Mülleimer, zieht seine Hand wieder heraus und schüttelt etwas davon ab, wischt das Klebrige schließlich in den Stoff seiner Hose. Das idealisierte Traumbild von eben fällt mit Scherben in sich zusammen.

Weiter flanieren: Stopp an einem runden Bistrotisch. Riesling und Restsonne. Auf dem Ku´damm betreten mehrere Individuen die Bühne: Ein junger Mann, androgyn, ganz dünn und blass, hat etwas Gruseliges. Aber gleichzeitig erscheint er ganz akkurat im weißen Hemd und schwarzer Hose. Ist er angestellt im KaDeWe? Ich sehe dicke blonde Haare, halblang geschnitten. Dann eine Frau mit riesigen Stilettos. Schwarz und offen, so hoch, dass mir schon beim Anblick schwindelig wird.

Little Fifth Avenue: Eine auf das Optimale getrimmte Frau, mit Tüten aus Boutiquen, lässt sich vom Chauffeur die Tür des Benz öffnen. Dazwischen sucht ein Obdachloser mit seinem Hund nach Pfandflaschen. Das ist Berlin. In den Bussen finden sich Heerscharen von Touristen. Modesünden, wohin man schaut. Ein bisschen extravagant, ein bisschen metrosexuell. Jemand führt beim Gassigehen seine „Puschel-Mokassins“ aus – was davon ist noch Hund und was schon Schuh? Grässliche Handtaschen, groß wie Sitzpuffs mit Henkel, bevölkern die Unterarme der Damen. Egal, ob mit oder ohne Botox.

Herrliche alte Bäume gepaart mit Sommerluft. Dazwischen Currywurststände und Andenkenverkäufer. Automaten zum Münzenprägen und arme Studenten, die im Kostüm verkleidet Werbezettel für schmierige Restaurants verteilen. Im Steakhouse sind eine Kellnerin mittleren Alters und ein alter Koch. Sie essen und reden und lächeln. Zusammen allein. Der Koch berlinert auf eine angenehme Art und Weise. Ich denke wieder an meine Großmutter und bestelle ein zweites Glas, sinke tiefer in den Korbstuhl und ziehe meine Strickjacke enger um mich.

Soja Cafè Latte to go oder einen Crémant gibt es auch auf der Karte. Doch hier siegt das Klassische: Champagner und Cappuccino. Alternde Menschen der Upperclass gehen vorbei. Alle mit geradem Rücken und prüfenden Blicken, die sich an den letzten Spitzen der Jugend festzuhalten versuchen, während um sie herum die nächsten Generationen das Straßenbild längst eingenommen haben. Verlorene Sonnenstrahlen und träge Touristenblicke ziehen an mir vorbei. Ein Gefühl der angenehmen Erschöpfung bemächtigt sich meiner. Ich fühle mich wohl in dieser Wärme und Fülle, aber spüre auch den Überdruss.

Ich nehme einen Espresso, rühre den dunklen Zucker und die ersten Laternenstrahlen hinein. Als die Kellnerin wegen Schichtwechsel abkassiert, lasse ich das Wechselgeld zurück. Ich mache mich auf den Weg durch die aufgeregt schnatternden Abendgrüppchen, die genauso auf der Suche sind wie ich.

Autorenporträt

In Berlin geboren, schreibt die Wahlpotsdamerin seit über 20 Jahren Texte, Bücher und alles dazwischen. Wortbesessen, schokoladenaffin und tanzwütig arbeitet sie seit dem Jahr 2000 in ihrem eigenen kleinen Unternehmen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Werbekauffrau, es folgten erste Publikationen und kleine Preise für Literaturbeiträge sowie ein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit den Schwerpunkten Kulturwissenschaft & Neuere dt. Literatur. 2009 feierte sie schließlich ihr Romandebüt mit „Meine Berliner Kindheit“, begleitet von diversen Lesungen (Kolbe Museum Berlin, Münster, Buchmesse Leipzig u.v.a.). Menschen, Situationen, Stimmungen und Dialoge – egal wo, wann oder wer: Geschichten sind ihr Leben! Das Schöne, das Besondere, das Leise und das Überraschende berühren sie immer wieder aufs Neue und treiben sie an die Tastatur.

Mehr über Barbara erfahrt ihr auf der Website www.angenehme-vorstellung.de!

Vielen Dank für den schönen Text, liebe Barbara!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere.