Von einem Gourmet

Zurückhaltung war gestern, heute sind wir dabei, alles aufzunehmen, was uns zwischen die Finger kommt. Wir stopfen nicht nur unseren Bauch, sondern auch unser Leben voll! Solange, bis wir satt sind und nichts mehr geht!

Bienvenue mes amis et bon appétit! (von Barbara Schilling)

Mondrauschen. Der bittere Aperitif schmeckt nur gemeinsam. Die Luft trägt schwer am Duft der Narzissen. Fade rinnt der Wein: rien ne va plus. Oder doch? Musik erklingt und lässt die Mundwinkel zucken. Gleich erreicht die Vorspeise das weiße Leinen mit Silber. Vorweg ein Sud aus Sehnsucht. Getunkt wird Brot, noch ist es hart – wird weich im Schein der Kerzen.

Sie lächelt ihn an. Wenn sie doch … wenn sie doch nur … Seine Frau, die dort schmatzend schlingt, sieht nicht und hört nicht. Sie isst nur. Salzige Kruste umhüllt die Welt. Das Meer ist nicht weit und doch so unerreichbar. Wellenduft klebt an den Messern. Zähe Gespräche auf Rucola. Gewürzt vom Gelächter der Damen.

Conversation. Gemacht, arrangiert, erzwungen. Belanglos wie der Salat – mit Essig verkorkst. Nur ihr Blick wie ferne Feigen würzt und schmeckt. Er versinkt in der Süße und denkt an die Frucht. Den Kern zu erobern würde ihm festlich erscheinen. Der Verzicht schürt nur die Wollust. Bei Wasser und Brot. Nur Haut und Haar – es wäre ihm genug. Der Hungernde denkt nicht an Sättigung. Doch Form tötet Emotionen mit spitzen Pfeilen von Chili. Kopf versus Bauch: Filetiert jedes Wort, zerkaut bis zum Brei. Die Soße schafft nicht den Sprung über den Tellerrand. Und seine Lider ziehen zum Barsch.

Die Zeit hält sich nicht an das Spiel – eine Hand auf der Keule wirft Fragen auf. Bratenrisse schrecken kaum, gestopft von Flackern und Schein. Rassig und vollmundig die Köpfe gefüllt. Nichts ist, wie es war, wie es ist. Ihre Wangen gerötet, ihr Mund glänzt von fettem Fleisch. Er reißt die Sehnen vom Knochen. Jedes Stück, jeder Tropfen macht Appetit, den keiner mit ihnen teilt. Völlerei ist eine Sünde. Sie wendet sich ab, hält sich den Schlund. Ihm tropft die Liebe von den Lippen, doch seine Zunge leckt ins Leere.

Der Pianist spielt. Abendgeklimper in Hitze gebacken. Amüsement in schwarz-weiß. Das Schlucken fällt schwer in der Nacht. Souffliert, flambiert, paniert jedes Auge. Ist sie fort? Nur im Wind glitzern noch süße Verführungen. Beim Dessert ruft man zum Gebet, prophezeit Mandelregen auf Erdbeersorbet und er ahnt – das Ende ist nah.

Beim Café teilt man den Milchschaum, süßt mit Küssen nach. In einer Ecke des Hauses am Meer wird niemand vermisst – außer Cognac! Er knetet die teigigen Enden der Dame, die auf Kandis zum Tee bestand. Knospen so kross wie Krokant. Fingerkuppen mit Schale. Sie kosten einander im Fauteuil, der schwimmt auf Langeweile aus Luxus. Nichts, was nicht schon genossen wurde – welcher Jahrgang ist der beste?

Satt gelebt sind sie, hier über dem Meer. Der Versuchung folgt nur der nächste Gang. Dickbäuchig und still. Morgen ist auch noch ein Tag. Das Übermaß rollt schon mit den hors d’œuvres heran. Ein Seufzen kündigt der Illusion.

Autorenporträt

In Berlin geboren, schreibt die Wahlpotsdamerin seit über 20 Jahren Texte, Bücher und alles dazwischen. Wortbesessen, schokoladenaffin und tanzwütig arbeitet sie seit dem Jahr 2000 in ihrem eigenen kleinen Unternehmen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Werbekauffrau, es folgten erste Publikationen und kleine Preise für Literaturbeiträge sowie ein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit den Schwerpunkten Kulturwissenschaft & Neuere dt. Literatur. 2009 feierte sie schließlich ihr Romandebüt mit „Meine Berliner Kindheit“, begleitet von diversen Lesungen (Kolbe Museum Berlin, Münster, Buchmesse Leipzig u.v.a.). Menschen, Situationen, Stimmungen und Dialoge – egal wo, wann oder wer: Geschichten sind ihr Leben! Das Schöne, das Besondere, das Leise und das Überraschende berühren sie immer wieder aufs Neue und treiben sie an die Tastatur. Mehr über Barbara und ihre Tätigkeit als Autorin erfahrt ihr hier!

Liebe Barbara, vielen Dank für deinen genüsslichen Text!


Bildhinweise:

Das Autorenfoto ist Privateigentum von Barbara Schilling, die sich alle Rechte vorbehält. Wir bedanken uns bei Barbara für die freundliche Genehmigung zur Verwendung des Fotos für diesen Artikel!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere.